Mangels realistischer Alternative fliegen wir nach Kathmandu wo wir uns einen Guide organisieren und mit leichtem Gepaeck nach Pokhara weiterreisen.
Pokhara, am Phewa Lake gelegen, ist das Luzern von Nepal. Wir sitzen in einem Garten. Am Ufer des Sees bluehen Blumen in allen erdenklichen Farben und die in voller Pracht stehenden Baeume spenden Schatten. Ein lauher Wind weht und ueber unseren Koepfen schwirren Libellen und flattern und gleiten hunderte von Somervoegel. Dazwischen fliegen Schwalben im Kreis und schnappen nach den Insekten.
Auf dem See gleiten die Menschen in kleinen Booten hinueber auf eine kleine Insel im See auf welcher sich ein Tempel befindet.
Und vor uns steht eine Flasche Tuborg! In Kathmandu wird Tuborg und Carlsberg gebraut... und es hat sogar eine Guiness Brauerei! Aber dem Koenig scheint die Farbe nicht zu gefallen; die Brauerei ist geschlossen.
Es waere der perfekte Flecken Erde. Aber es ist schwuel und die Wolken haengen bedrohlich tief. Der Monsum ist spaet in diesem Jahr und am Abend setzt der Regen ein. Es regnet die ganze Nacht hindurch.
Haette es keine Wolken, man koennte in Pokhara am See sitzen und wuerde die Annapurna Bergkette sehen. Ein Blick auf 8091 mayestaetische Meter.
Wir verlassen Pokhara am naechsten Morgen und naehern uns in den naechsten Tagen auf einem kleinen Rundkurs der Annapurna Range.
Der Weg fuehrt immer wieder an kleinen Siedlungen vorbei. Oft muessen wir vor einem Wolkenbruch fliehen. Wir steigen kontinuierlich hoeher. In den ersten Tagen durchwandern wir Mooswaelder. Spaeter werden die Waelder spaerlicher. Aber immer ist es gruen. Diese Landschaft ist so verschieden von Ladakh.
Die Naechte sind kuehl und es regnet von den fruehen Abendstunden bis am naechsten Morgen. Es ist definitiv 'off season'. Wir begegnen unterwegs keiner Menschenseele.
Ab dem dritten Tag haben wir nebst der Naesse einen neuen Feind: Blutegel. Ihre Anzahl ist legion. Sie kriechen aus dem Schlamm und haften sich an unsere Schuhe. Wenn wir stehenbleiben ums sie zu entfernen, kriechen sie in einem unglaublichem Tempo an uns empor. Es ist eine eklige Arbeit diese Egel zu entfernen. Jeder von uns traegt ein Stueck Bambus mit sich herum. Am Ende des Bambus befindet sich ein kleiner Stoffbeutel, gefuellt mit dem glorreichen Himalaya-Salz. Die Biester vertragen kein Salz. Zuerst befallen sie nur die Knoechel. Jedoch einige finden ihren Weg den Beinen entlang und wieder andere finden ihren Weg bis zum Bauch. Und man bemerkt sie erst wenn es schon zu spaet ist. Es dauert nur ein paar Minuten und schon sind sie doppelt so gross. Einige kann man problemlos mit Salz entfernen. Andere zerquetscht man ungewollt beim gehen.
Das schlechte Wetter, der Regen und die Egel haben aber auch ihren Vorteil. Wir koennen alles ungestoert und alleine geniessen. Alles blueht und gruent. Rhodondrienbuesche saeumen den Weg in voller Bluete. Ueberall schwirren Sommervoegel auf der Suche nach Nektar von Bluete zu Bluete. Die Menschen bearbeiten ihre Reisterassen. Und ueberall hat es Wasserfaelle. Kleine, grosse... Einige fallen ca. 100 Meter die Felswand herunter. Der Wind bringt das Wasser zum tanzen bis es scheint, als ob das Wasser zurueck, die Erdanziehungskraft ueberwindend, nach oben fliesst. Andere prallen mit voller Wucht auf den Felsen. Gischt steigt auf und formt bizarre Formen und das Wasser rinnt anschliessend, verteilt an mehreren Stellen, immer weiter Richtung Tal.
Und wir treffen keine Maoisten. Bei diesem Wetter werden keine Maoisten nach draussen geschickt.
Wir staunten nicht schlecht, als uns voller Ernst mitgeteilt wurde, dass wir nicht erschrecken sollen wenn wir unterwegs auf Rebellentruppen stossen. Sie wuerden 'nur' einen Wegzoll verlangen (ca. zwei ChF. pro Person) und wir wuerden dafuer sogar eine Quittung erhalten! Ebenfalls sollen wir ruhig darauf bestehen nur die Haelfte des gewuenschten Betrages zu entrichten. Es waere schliesslich 'off season'!!!
Wir machen die ganze Zeit Witze ueber diese Vorstellung, aber fuer Nepal ist dies die Realitaet. Es sieht so aus, dass der ganze Westen Nepals, alles westlich von Pokhara, von den Maoisten kontrolliert wird. In jedem Dorf an welchem wir vorbeikommen prangt an irgend einer Wand: "Long live Maoist!"
Es ist nicht der Glaube an die Ideologie. Diese Menschen sind tiefglaeubige Hindus und Buddhisten. Es ist die Ohnmacht gegenueber dem herrschenden Monarchen welche sie jede Opposition unterstuetzen laesst.
Am vierten Tag unserer Wanderung haben wir dann endlich einmal die Moeglichkeit am fruehen Morgen einen Blick auf die Annapurna Range zu werfen. Die Wolken brechen auf und fuer ca. 25 Minuten sehen wir vor uns die Annapurna Himalaya Range. Es ist beeindruckend. Diese schiere Hoehe, das ewige Eis. Nur 25 Minuten, kein Gipfelsturm, kein 'advanced base camp'. Und doch, es hat sich mehr als gelohnt. Die Naechte in der durchnaessten Kleidung, die Egel, das schlechte Wetter... alles ist vergessen.
Wir beenden unsere Wanderung stilecht im staerksten Regen dieser Tage und kehren, bis auf die Knochen durchnaesst, zurueck nach Pokhara. Nass, etwas erschoepft, aber gluecklich.
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